Souvenirs from Earth

text LAURA POSDZIECH pictures VIA SOUVENIERS FROM EARTH
 

Als Künstler einen Fernsehsender zu gründen, ist kein typischer Werdegang. Woher wussten Sie überhaupt, wie man Fernsehen macht?

Marcus Kreiss: Ich wusste gar nichts, außer dass ich einen TV-Sender machen wollte, der sich Kunstfilmen widmet. Den Rest habe ich mir innerhalb von ein paar Monaten erarbeitet. Von den bürokratischen Angelegenheiten, wie zuallererst einmal eine TV-Sendelizenz zu bekommen und einen Netzbetreiber zu finden, der Interesse hat, das Format zu finden, bis hin zu den technischen Details, für die jeder andere Sender Profis beschäftigt. Aber die waren zu Beginn sicherlich wegen des Budgets außer Reichweite für Sie. Allerdings. Die Branche war überhaupt nicht auf kleine Sender eingestellt. Bei einem Kostenvoranschlag von 300.000 Euro für das Layout hieß es: »Herr Kreiss, das ist nichts.« Also habe ich den Sender auf meinem alten Mac- Book Pro selbst gescriptet und letztendlich für null Euro aus Kerpen gesendet.

Sie haben erst Film und dann Kunst studiert. Zwei Disziplinen, in denen sehr viel möglich ist. Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie Ihren eigenen TV-Sender gründeten?

Auf der Filmschule habe ich damals drei bis vier Filme am Tag gesehen und dementsprechend die gesamte Filmgeschichte studiert. Umso mehr man kennt, desto kritischer wird man. Irgendwann gab es außer ein paar wenigen keine Regisseure mehr, die ich wirklich toll fand. Was mich außerdem mit der Zeit immer mehr gestört hat war, dass man sich selbst in der Geschichte eines Films völlig vergisst. Man hat inzwischen ausgefeilte Techniken, die den Zuschauer in ihren Bann ziehen und ihm die Zeit stehlen. Dass ich dieses typische Filmformat – zwei Stunden eine fesselnde Geschichte erzählen – eigentlich nicht mehr als zeitgemäß empfand, wusste ich schon damals.

Untitled Nr.2, 2014
Untitled Nr.2, 2014
Marcus Kreiss
2.100,00 €
 
Untitled  Nr.3, 2014
Untitled Nr.3, 2014
Marcus Kreiss
2.100,00 €
 
Untitled Nr.4, 2014
Untitled Nr.4, 2014
Marcus Kreiss
2.100,00 €
 
Untitled Nr.6, 2014
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Marcus Kreiss
2.100,00 €
 

Gefangen in der Selbstreflexion

Jedenfalls habe ich mir ein kürzeres Format vorgestellt, das den Zuschauer nicht einlullt, sondern ihm erlaubt, beim Schauen er selbst zu bleiben oder ihn sogar dabei unterstützt, sich selbst zu finden. Ich habe viel nachgedacht über die Bilder, die uns tagtäglich umgeben. Fernsehbilder sind schließlich Bilder, die durchschnittlich wohl am meisten konsumiert werden. Allerdings sind es keine Bilder, die von Künstlern entworfen werden. Also habe ich mich gefragt, was wohl passieren würde, wenn man ein Fernsehbild in ein Kunstbild umwandelt. Ich begann, den 16:9-Bildschirm, der ja sowieso schon wie ein Bild an der Wand hängt, als Format zu betrachten. Während Filme eher Illustrationen von Ton sind, die den Zuschauern sagen, was sie vom entsprechenden Bild halten sollen, wollte ich bei meinem Kunstfernsehbild, dass es um das eigentliche Bild geht. Dass also jedes Pixel wichtig ist. Ich habe die Komposition so ernst genommen wie ein Gemälde, was mich zu dem Entschluss geführt hat, dass diese Bilder eigentlich wirklich ins Fernsehen müssen. Da diesen Gedanken wohl zunächst niemand nachvollziehen konnte, lag die Idee nahe, einen eigenen Sender zu gründen. Inzwischen sind wir das Gegenteil von einem normalen TV-Sender. Wir sind im sozialen Leben aktiv. Viele Leute lassen den Kanal zum Beispiel laufen, wenn sie Leute zum Essen eingeladen haben. Das heißt, das Fernsehen und die Kunst sind somit ins reale Leben integriert. Und das finde ich sympathischer als die Idee, dass man im Kino sein miserables Leben für zwei Stunden vergisst und sich hinterher erst wieder in der Realität zurecht finden muss. »Souvenirs from Earth« ist daher viel zeitgemäßer, als Kinofilme zu machen. Wenn man in einem Format nichts mehr Neues erfinden kann, sollte man es lassen und das Medium wechseln. Und das habe ich getan.

Für viele Film- und Fernsehmacher ist es sicherlich Bestätigung, wenn sie es geschafft haben, die Zuschauer in ihren Bann zu ziehen. Man muss sich erst mal eingestehen können, dass man wohl nichts Neues mehr erfinden wird.

Ja, aber erst wenn man das getan hat, kann man sich auch wirklich auf etwas Neues konzentrieren. So ist das bei unserem Format, das wir »Videopainting« nennen: Hier ist noch nichts vorgeschrieben, wir können alles neu definieren, und das ist bedeutend interessanter als den Kinopionieren nachzueifern. Dass »Videopainting« die Leute gefangen nimmt, passiert auch, aber eben nicht wegen einer ausgefeilten Kommunikationsstrategie. Ein Zuschauer schrieb uns, dass er eines Nachts nach Hause kam und dann zwei Stunden wie hypnotisiert vor unserem Programm saß. Das ist eigentlich der ideale Zuschauer, beziehungsweise das ideale Stadium, um den Sender zu schauen: wenn man zu müde ist, um noch zu wissen, ob man wach ist, träumt oder vielleicht schon schläft. Ich finde diesen Zwischenzustand sehr inspirierend und habe dann immer sehr viele Ideen.

Man ist also gefangen in der Selbstreflexion und nicht, weil man berieselt wird.

Ganz genau. Als Fernsehsender haben wir auch eine pädagogische Aufgabe. Denn wir erreichen Leute, die nicht in Kunstausstellungen gehen und vielleicht gar nicht wissen, dass es überhaupt Kunst gibt, die sie interessiert.

<pSpiegelt sich die Philosophie des Senders auch im Namen »Souvenirs from earth« wider?

Souvenirs from Earth« war immer wieder meine Arbeitshypothese. Ich habe mir vorgestellt, ich käme aus der Zukunft und wäre von den letzten Menschen auf der Erde beauftragt worden, interessante Aspekte ihres Lebens mit der Kamera festzuhalten. Die haben nämlich gemerkt, dass sie nur Fernseh-und Hollywoodaufnahmen zu sehen bekommen und wollen nun Essentielles sehen. Zum Beispiel Blätter im Wind. Davon gibt es nämlich keine Aufnahmen. Oder nur wenige.

Untitled Nr.5, 2014
Untitled Nr.5, 2014
Marcus Kreiss
2.100,00 €
 
Untitled Nr.6, 2014
Untitled Nr.6, 2014
Marcus Kreiss
2.100,00 €
 
Untitled Nr.9, 2014
Untitled Nr.9, 2014
Marcus Kreiss
2.100,00 €
 
Untitled Nr.1, 2014
Untitled Nr.1, 2014
Marcus Kreiss
2.100,00 €
 

Kontroverse und Herausforderun

Man muss also kein Kunstexperte sein, um Ihren Sender zu verstehen?

Nein, absolut nicht. Es ist Fakt, dass die Zuschauer nicht nur Kunstinteressierte sind – so viele gibt’s davon gar nicht. Nur ein Bruchteil unserer Zuschauer besucht Kunstveranstaltungen wie Ausstellungen oder Messen. Das können wir teilweise auch über Facebook nachvollziehen. Die Statistiken dort zeigen die Berufsfelder unserer Follower. Vom U-Bahnfahrer über den Bibliothekar bis hin zum Piloten ist alles dabei. Wenn man unser Publikum definieren möchte, ist es wohl eins, das keine Lust mehr auf »normales« Fernsehen hat. Und genau das ist das Kontroverse und die Herausforderung an unserer Arbeit. Diesen Spagat wollen wir auch kommunizieren. Wir wollen nichts verkaufen und auch niemanden in unseren Bann ziehen. Bei uns geht es relativ ruhig und langsam zu. Das bestätigen auch unsere »Zapping«-Statistiken – unser Rhythmus ist komplett anders als der bei den konventionellen Sendern.

Inwiefern?

Während viele Leute zwar beim Zappen auf unseren Sender stoßen, zappen sie nicht so schnell wieder weg. Wir haben eine mittlere Verweildauer von 15 Minuten, und das heißt bei 25.000 Zuschauern, die wir am Tag haben, müssen Hunderte davon den Kanal acht Stunden am Stück laufen lassen. Manche benutzen ihn also tatsächlich so, wie wir ihn uns gedacht haben: Sie haben von morgens bis abends ein bewegtes Bild an der Wand, das sich alle sieben Minuten ändert.

Ist es die Norm, dass Ihre Videos eine Länge von sieben Minuten haben? Also nur ein bisschen länger sind als ein klassisches Musikvideo?

Durchschnittlich ja. Es laufen auch halbstündige Filme. Der längste, den wir je gezeigt haben, war 36 Stunden lang. Aber der Vergleich stimmt. Im Prinzip sind wir eine Art Kunst-MTV. Das Prinzip ist, dass wir kein klassisches Programm bieten. Natürlich läuft Montagmorgen etwas anderes als Freitagabend, aber de facto senden wir alle sieben Minuten eine neue Überraschung, inklusive kurzer News.

Was kann man sich unter News in diesem Kunstkontext vorstellen?

Es werden Ausstellungen in Galerien oder andere Kunstevents vorgestellt. Allerdings nicht moderiert, die Kamera macht lediglich einen „künstlerischen“ Schwenk über die Ausstellung , und am Ende des Beitrags zeigen wir Informationen über die entsprechende Galerie.

Wie finden Sie die Künstler, mit denen Sie zusammenarbeiten?

Man muss genau hinsehen. Unser Kurator, Alec Crichton, ist viel auf Festivals unterwegs, wir haben Kontakte zu Künstlern, recherchieren aber auch im Internet. Um Künstler online zu finden, muss man allerdings schon ziemlich genau wissen, wen man sucht; außerdem bekommen wir auch einiges zugeschickt, weil wir mittlerweile eine Referenz haben.

Sie machen auch selbst Videos. Bleibt Ihnen viel Zeit dafür?

Ja, ich versuche einmal im Monat einen Film zu produzieren. Das klappt nicht immer, aber ich bemühe mich.

Worum geht’s in Ihren Filmen?

Es überschneiden sich alle möglichen Logiken und Lesarten, und nach ein paar Minuten hat man dann keine Anhaltspunkte mehr. Der Zuschauer ist verloren und ergibt sich der Flut der Bilder. Ab diesem Punkt funktioniert das 'Videopainting': Es wirken nur noch Form und Farbe auf den Zuschauer ein.

Finden Sie denn auch noch Zeit für die Malerei?

Ja, ich arbeite weiterhin an meinen Portraits und zeige aktuell eine Ausstellung in der Kölner Galerie „Kaune, Posnik, Spohr“.

Apropos Köln, wie kam es zur Zusammenarbeit mit der ART COLOGNE?

Katia Baudin, die momentan die kommissarische Direktorin des Kölner „Museum Ludwig“ innehat und auch Mitglied unseres Advisory Boards für den Sender ist, hat uns mit Daniel Hug, dem Direktor der ART COLOGNE, zusammengebracht. Es hat sich schnell herausgestellt, dass er ein Videoprojekt plant. Und so kam dann eins zum anderen …

… und ergibt eine einzigartige Kooperation. Es ist das erste Mal, dass Videokunst auf diese Art und Weise in eine Messe eingegliedert wird. Wie sieht die Kooperation in der Umsetzung aus?

Das Projekt heißt „Film Cologne“. Es gibt eine Videolounge mit einer Bar, in der „Souvenir from earth“ live gesendet wird – während der fünf Messetage der ART COLOGNE sind insgesamt 50 Filme von ausstellenden Galerien zu sehen. Das heißt also, alles, was auf der Messe Video ist, findet bei uns auf dem Sender statt.

Und zwar nicht so, wie man es erwartet. Statt in einem abgeschirmten, dunklen Raum haben Sie gerade eine Bar erwähnt.

Ja, das ist bewusst so gewählt. Uns ist wichtig, dass der Raum für die Videokunst in die sozialen Aktivitäten integriert ist. Auf vielen Messen hat man tatsächlich diese abgedunkelten Räume, in denen man dann verschwindet. Es ist doch traurig, wenn man dort alleine herumsitzt.

Hatte der Sender auch die kuratorische Leitung des Filmprogramms?

Die haben Daniel Hug und Alec Crichton übernommen, der seit 2008 beim Sender als Kurator tätig ist.

Bei einer Messe geht es ums Verkaufen. Wie kann man ein Kunstvideo kaufen?

 Das ist eine gute Frage. Im Januar haben wir dazu einen großen Panel gemacht. Man kann das Video zum Beispiel auf einer VHS-Kassette oder einer DVD erwerben, aber eigentlich ist Videokunst, und zwar besonders heute, in einer Zeit, in der Speicherplatz immer größer wird, immateriell. Das heißt, dass man Videokunst so anbieten sollte, wie man es mit Filmen macht: über Rechte und Verträge …

… und letztendlich Bürokratie. Ein eher abschreckender Faktor.

Das stimmt. Aber es lohnt sich. Der Videokunstmarkt ist ein sehr schöner, in dem viel Kreativität steckt. Und um die Hürde kleiner zu machen, wollen wir als Sender bald eine Charta herausgeben, in der wir empfehlen, wie man den Kauf am besten handelt. Bei der Fotografie war das noch vor ein paar Jahrzehnten ähnlich schwierig. Heute ist der Fotomarkt ein ziemlich gesunder, und ich denke, so kann sich die Videokunst auch entwickeln, sobald das Produkt besser definiert ist.

Wie kann ein Sammler sicherstellen, dass es nicht unendlich viele Raubkopien von einem Video gibt?

Raubkopien sind eigentlich nicht das Problem, wenn man weiß, wem was gehört. Eine Lösung wäre zum Beispiel, ein zentrales Register für Videokunst anzulegen, in dem man nachschauen kann, wer der Eigentümer eines entsprechenden Videos ist. Und Künstler, beziehungsweise eine Galerie, wissen ebenfalls, wer der Käufer war.

Gerade weil klassische Werbung sicherlich keine Option für Sie ist: Wie läuft momentan die Finanzierung von „Souvenirs from earth“?

Wir verkaufen Werbung, aber in Zukunft kann man natürlich noch viel mehr um die Ecke denken.

Wer ist zum Beispiel schon Werbekunde?

Louis Vuitton.

Wie darf man sich denn einen Werbespotvon LV auf Ihrem Sender vorstellen?

Neben der Foundation, die das französische Luxuslabel dieses Jahr fertig stellt, hat die Marke schon einen kleinen Kunstspace in Paris. Dort werden Ausstellungen präsentiert, über die ein Film auf unserem Sender lief.

Wie gehen Galerien und Museen Ihrer Meinung nach mit dem Thema Videokunst um?

Das ist ganz verschieden. Es gibt ein paar Galerien, die darauf spezialisiert sind. Die treffen sich ein Mal im Jahr in Barcelona zum „LOOP Festival“, das auf Videokunst spezialisiert ist. Dennoch: Die meisten Galerien verdienen immer noch ihr Geld mit Bildern, Installationen oder Skulpturen – mit etwas, das auf den ersten Blick einzigartiger ist. Museen und Institutionen wiederum finden Videokunst total gut, weil man damit relativ schnell einen Raum kreieren kann. Es ist nicht viel Material, hat aber eine große Wirkung.

Was macht denn ein gutes Kunstvideo aus?

Es muss etwas zeigen, das man noch nie gesehen hat. Und es muss einen emotional packen. Man muss die Leute mit den richtigen Bildern beeindrucken, aber dann eben auch irgendwo hinführen.

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