NISCHENDASEIN

Jedes Jahr erscheinen rund 300 neue Parfums auf den Markt. Der Löwenanteil wird von der Industrie und den großen Brands bestritten, der Rest entfällt auf kleine, unabhängige Manufakturen, die den Nischenmarkt repräsentieren. Qvest traf zwei der großen Vertreter dieses kleinen Marktes – Vero Kern und James Heeley – zum Interview.

text YORCA SCHMIDT-JUNKER for Qvest Magazine 
 

QVEST: Erst einmal herzlich willkommen zu unserem Expertengespräch über Parfums, Vero und James. Können Sie uns als Einstieg kurz schildern, wie Sie eigentlich zu diesem Beruf gekommen sind?

Vero Kern: Also, mein Label heißt Vero Profumo, ein Wortspiel aus meinem Namen und dem italienischen Wort »vero«, was soviel wie »echt«, »authentisch«, »pur« heißt. Inspiriert hat mich ursprünglich ein Film von Dino Risi aus den 70er Jahren, der hieß »Der Duft der Frauen«. Die Vorstellung, dass jede Frau, ihre Haut, ihre Sinnlichkeit und ihre Erotik einen eigenen Geruch hat, faszinierte mich, und damit begann auch mein Interesse an Parfums. Bis ich den Entschluss fasste, Parfumeurin zu werden, sind dann aber natürlich noch einige Jahre verstrichen. Aber die erotische, animalische Note ist das Markenzeichen meiner Parfums …

Da bin ich jetzt mal gespannt …!

VK: Na ja, das hat natürlich auch mit meinem Alter zu tun. Ich bin 70 Jahre, da ist es unvermeidlich, dass sich allerhand Erfahrungen angesammelt haben. All diese Erfahrungen, meine Leidenschaften und Vorlieben, das alles geht natürlich auch in meine Parfums ein. Ich wollte etwas Besonderes machen, etwas, das anders ist als andere Parfums. Ich habe noch die ganz traditionellen, klassischen Verfahren der Parfümherstellung erlernt, mit denen die Parfums früher gemacht wurden. Dahin wollte ich zurück. An einen wirtschaftlichen Erfolg oder ein spezielles Marketing-Konzept habe ich damals gar nicht gedacht – mir ging es um die Leidenschaft für die Sache. Die alten Düfte, wie zum Beispiel die von Guerlain, haben mich schon immer fasziniert, aber es hat noch einige Jahre gedauert, bis ich den Entschluss fasste, sie zu meinem Beruf zu machen. Früher war ich Aromatherapeutin und habe aus selbst gepflanzten Blumen ätherische Öle hergestellt, für die Anwendung bei Massagen zum Beispiel. Das waren meine Anfänge. Dabei habe ich entdeckt, dass ich eine sehr gute Nase habe und mich dann nach Schulen umgesehen, wo man die Kunst der Parfümerie erlernen kann. In Paris bin ich dann fündig geworden, da war die meiner Meinung nach beste für mich. Das Resultat meiner Studien dort war dann mein erstes Parfum, das 2007 auf den Markt kam.

James Heeley: Bei mir war es mehr Zufall, dass ich Parfumeur wurde. Ich bin eigentlich Designer, und vor zehn Jahren begann ich, Vasen für Christian Tortu zu entwerfen, einen namhaften Pariser Floristen. Das Thema Duft habe ich also sprichwörtlich durch die Blume entdeckt, und eines Tages begegnete ich Annick Goutal, die mir die Augen für die Welt der Düfte öffnete. Ein Engländer in Paris, der als Designer arbeitete – für mich war die Begegnung mit Annick da so etwas wie eine Offenbarung. Durch sie habe ich erkannt, dass auch ich Düfte herstellen kann. Und so machte ich mich also an mein erstes eigenes Parfum, einen Feigenduft, der aber nicht auf den Markt kam. Meine erste marktreife Kreation war dann eine parfümierte Kerze, für die ich auch eine Schachtel entwarf – unter begrenzten Herstellungskosten und Investitionen –, die sich hinterher zur Vase umfunktionieren ließ. Im Wesentlichen also letztlich wieder eine designerische Tätigkeit. Inzwischen beschäftige ich mich mehr mit den olfaktorischen Aspekten der Herstellung von Parfums. Anfangs war ich eher Art-Director, eine Art Architekt, der versucht, Gerüche nachzubilden. Aber ich entwickle mich immer weiter. Man lernt immer wieder etwas hinzu. Bei mir kam einfach eins zum anderen.

Was ist eigentlich so faszinierend an Düften?

JH: Duft ist überall – wie Licht oder Luft. Aber Gerüche lassen sich nicht einfangen, was ein Jammer ist, jedenfalls bei den guten. Daher versucht man, Zutaten zu mischen, und damit ein Abbild zu schaffen, das dem Original, dem natürlichen Duft, möglichst nahe kommt. Dabei geht man immer mehr in die Details und findet Schritt für Schritt heraus, welcher Geruch mit anderen harmoniert. Für mich hat das viel mit Bildhaftigkeit zu tun – ich versuche eine Abbildung des Dufts zu komponieren.

VK: Für mich ist es pure Leidenschaft. Das Faszinierende an Düften ist ja, dass man sie nicht sehen kann. Man hat etwas im Kopf und versucht es zu materialisieren, es erfahrbar zu machen. Als Parfumeur muss man sich ein Duft-Vokabular aneignen, im Gedächtnis verankern und es dann abrufbereit halten. Mir kommt da weniger Bildhaftigkeit in den Sinn als ein bestimmter Inhaltsstoff, ein bestimmtes Material. Wenn ich zum Beispiel eine Rose habe, dann muss ich etwas mit dieser Rose machen. Für mich hat das etwas Libidinöses, es kommt aus dem Bauch heraus.

Sie beide sind Vertreter des sogenannten Nischenmarkts. Was ist der Unterschied zwischen Ihren selbstgefertigten Düften und den Parfums für den Massenmarkt?

JH: Na ja, um ehrlich zu sein, ein Duft ist ein Duft ist ein Duft – und erst durch die Wertung gut oder schlecht, teuer oder billig, wird er kategorisiert. Es gibt Tausende von Rohstoffen auf dem Markt, wobei die wichtigsten Duftbausteine aus natürlichen Quellen stammen, aus Früchten und Beeren, Rindern und Harzen, Blumen, tierischen Sekreten. Manchmal auch aus Wurzeln wie bei der Iris, wo die Extraktion ein höchst aufwändiger, rund 5 Jahre dauernder Prozess und damit dement- sprechend teuer ist. Es gibt im Prinzip keinen Unterschied zwischen dem Parfum eines großen kommerziellen Unternehmens und unseren Düften. Wir benutzen alle dieselben Grundbestandteile. Bei mir – und ich glaube, das trifft auch auf Vero zu – ist es so gewesen, dass ich ohne große Investitionen angefangen habe. Ich musste also einfach loslegen, bin allmählich immer größer geworden und hatte das Glück, dass die Leute meine Sachen mochten, und deswegen habe ich einfach weitergemacht. Im Laufe von zehn Jahren habe ich jetzt zehn Düfte entwickelt – aber der Hauptunterschied ist wohl der, dass wir keine Marketingabteilung haben. Keine Investoren, die uns sagen, was wir zu tun oder zu lassen haben, oder die uns Mindestumsätze zur Auflage machen – mit anderen Worten: Wir sind total frei. Ich mache ein Parfum, weil es mir gefällt, und nicht, weil ich denke, es muss sich verkaufen. Wenn es sich gut verkauft: toll. Wenn nicht: auch kein Problem.

VK: Das sehe ich genauso. Ich mache einfach, was ich tun möchte, wie schon gesagt, eine Frage der Leidenschaft und der Faszination für Parfums. Ich habe sehr bescheiden angefangen und alles selbst gemacht, die gesamte Herstellung, natürlich in relativ kleinen Mengen. Für mich ist einer der wichtigsten Unterschiede zwischen uns und dem Massenmarkt die Palette an Zutaten, auf die wir zurückgreifen können. Ich arbeite mit ungefähr 250 Rohstoffen, die Industrie mit Tausenden. Anfänglich waren viele Duftstoffe für mich unerschwinglich, weil sie nur in sehr großen Mengen abgegeben werden. Ich konnte sie ja nicht tonnenweise bestellen, ja nicht einmal im Kilo – was soll ich mit einem Kilo Ambra?

Forest Fire Duftkerze
Forest Fire Duftkerze
James Heeley
203,57 €/ kg
57,00 €
 
Fleur d'Oranger Duftkerze
Fleur d'Oranger Duftkerze
James Heeley
20,35 €/ 100 g
57,00 €
 
Sel Marin EdP
Sel Marin EdP
James Heeley
120,00 €/ 100 ml
119,90 €
 

Das heißt, ein mögliches Problem für Nischenparfumeure besteht in der Beschaffung der Rohstoffe?

JH: Ganz genau. Wir haben eben ja schon die Iriswurzel erwähnt. Iris absolue, ein Wurzelextrakt, den ich für mein Parfum Iris de Nuit benutze, ist einer der teuersten Duftstoffe überhaupt. Das Kilo kostet um die 18.000 Euro, ähnlich teuer sind Jasmin und die Edelrose Parfum de Grasse. Man kann an ihrer Stelle auch Bulgarische Rosen nehmen, aber die haben nicht dieselbe frische, grüne, stark sinnliche Note. Es ist also tatsächlich ein Problem, sich solche Aromen überhaupt leisten zu können, vor allem, weil sie nicht in kleinen Mengen verkauft werden, wie Vero eben ja schon erwähnte.

Der Ausdruck »Nische« bezeichnete ja eigentlich einen Markt für wenige, sehr anspruchsvolle Kunden. Worin unterscheiden Nischen sich vom Massenmarkt?

VK: Für mich heißt Nische eigentlich nichts anderes, als meine eigene Sache durchzuziehen. Ich könnte keine massenkom- patiblen Düfte herstellen, weil ich dann ganz anders arbeiten müsste. Ich kenne mich mit den Stoffen nicht aus, die da verwendet werden. Mir liegt es, individuelle Düfte für besondere Kunden zu schaffen, nicht für den Massenmarkt.

JH: Was Sie beschreiben, das sind ja vor allem Marketingstrategien. Da geht es um Werbung und um Konnex. Mit einer professionellen Marketinganteilung im Rücken ist es kein Kunststück, da kann man alles behaupten wie: »Hier schaut mal alle her, das ist ein Nischenprodukt!«

VK: Ja, oder: »Unser Parfum ist das teuerste« oder »das schönste« …

JH: Wobei am Ende immer noch der Kunde entscheidet, ob ein Duft erfolgreich ist, nicht das Unternehmen oder derje-nige, der das Parfum kreiert hat. Die Nischenprodukte der großen Marken sind letztlich heiße Luft, eine reine Verkaufsmasche. Parfumeure wie Vero und ich nehmen uns viel Zeit, wir entwerfen unsere eigenen Flacons, kümmern uns um die Verpackung und um allen möglichen Kleinkram – vielleicht macht das das wahre Nischendasein aus.

VK: Wo gerade das Stichwort Zeit gefallen ist – das ist ja ein ganz wichtiger Aspekt. Für meine drei Parfums Kiki, Rubj und Onda habe ich fünf Jahre gebraucht. So etwas wäre in der industriellen Herstellung einfach undenkbar.

JH: Ich denke, die hohe Qualität unserer Parfums ist ausschlaggebend. Wenn die Leute zu begreifen beginnen, dass für gute Parfums die gleichen Kriterien gelten wie für gute Weine oder gutes Essen – nach dem Motto: Woher kommen sie? Sind sie professionell und hochwertig gemacht? – wenn die Leute also beginnen, die Unterschiede zu erkennen, dann entscheiden sie sich am Ende beim Kauf auch für Produkte wie unsere.

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