SIE WAREN EINSAM, ABER SCHNELLER

text Patrick Krause pictures Horst A. Friedrichs

Mit dem Motorrad kamen die Männer aus dem Krieg zurück. Als Halbstarke gegangen, als Männer wiedergekehrt, die dem Tod mehr als einmal begegnet sind. Zum Dank dafür waren sie in der amerikanischen und britischen Heimat nicht mehr sozial integriert. Das konnte nicht gut gehen. Die »Brüder«, wie sie sich gegenseitig nannten, fanden sich in fahrenden Gruppen wieder, um sich vornehmlich auf den preiswerteren, aufs Wesentliche reduzierten Choppern den frischen Wind der Freiheit um die Nase wehen zu lassen. Aber da gab es noch ein Problem, und das lautete: Wohin? Diese Frage konnte bis heute nicht vollständig beantwortet werden. Ein Biker fährt einfach. Immer weiter. Aber wenn er zwischendurch haltmacht, bedeutet das meistens eine Konfrontation mit dem bürgerlichen Leben, sprich: Ärger.

Am Wochenende zwischen dem 3. und 6. Juli 1947 kam es im amerikanischen Hollister zur offiziellen Begründung der sogenannten Rocker-Subkultur – selbstverständlich im Rahmen einer Schlägerei. Der so genannte »Hollister Bash« gehört zum Gründungmythos der gesamten Bikerszene. Dort fand die zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg wieder offiziell genehmigte, dem Motorrad gewidmete »Gala Motorcycle Gypsy Tour« statt – inklusive der üblichen Rennen, Ausfahrten und Tanzveranstaltungen. Die Tatsache, dass viele Biker dort ihren Kriegsfrust wegtrinken wollten, führte zu einem bis dato unbekannten Massenbesäufnis. Bis in den Morgen des Nationalfeiertags ging die Orgie, dann versuchten Polizisten mit Schlagstöcken und Tränengas, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Ein paar Prügeleien, drei Verletzte, dann war wieder Ruhe. Wäre da nicht das Magazin Life gewesen, das ein Bild eines betrunkenen Bikers veröffentlichte, der zwischen all den Scherben auf einer Harley »Knucklehead« saß und Bier trank. 1997 stellte sich dann heraus, dass der Mann auf dem Motorrad ein harmloser Passant war, der überredet wurde, für ein Bild zu posieren – auf einem Motorrad, das ihm nicht einmal gehörte.

Nach dem »Hollister Bash« machte das Motiv medial die Runde und sorgte für das schäbige Image der halbstarken Wilden, mit dem die Biker-Szene bis zum heutigen Tag – »Hells Angels« und Konsorten sei Dank – zu kämpfen hat. Und dann war da auch noch der Film … Während in den Fünfzigerjahren die Beat Generation dichtete, jazzte, trampte und auf Güterzüge aufsprang, um dem Mief der bürgerlichen Herkunft zu entrinnen, machten Halbstarke wie James Dean und Marlon Brando schon bald den Weg frei für eine motorisierte Jugendbewegung. So unvergesslich wie das automobile »Hasenfußrennen« in Deans Durchbruch-Film »Rebel Without a Cause« war der lässige, scheinbar aus dem Nichts kommende Auftritt von Marlon Brando in »The Wild One«: Turnschuhe, T-Shirt, Lederkäppi und -jacke. Lässig war auch die Haltung auf seinem Motorrad, triefend vor Testosteron ließ er so Generationen von Frauenherzen höher schlagen. Der Film war inspiriert von mehr oder weniger harmlosen Ereignissen des »Hollister Bash«. Marlons Pose machte die Runde, aber die Herren der Schöpfung überließen ihm natürlich nicht lange alleine den Ruhm. Sie warfen sich in Schale und dieFünfzigerjahre-Generation der »Halbstarken« hatte ihr Idol und ihren Dresscode gefunden. Turnschuhe, Jeans und T-Shirt: Bis heute ist das der wohl verbreitetste Mainstreamlook der internationalen Mode (und vielleicht hat sich deshalb das Mainstream- Label »Hollister« allen Ernstes so genannt). Nur das Leder ist zeitweise aus der Mode gekommen.

Produkte filtern