DESIGN ODER DEKOR, das ist hier die Frage

text PATRICK KRAUSE for QVEST Magazine

Wenn sich an dieser Stelle schon der vor-postmoderne Opa regelmäßig darüber auslassen darf, dass früher alles besser war (damals, in den guten alten Achtzigern, bevor die Mauer fiel) und wir heutzutage Soli, Euro und Schutzschirme bezahlen müssen, achwasredich, dann müsste es den regelmäßigen Leser dieser Seiten eigentlich wundern, warum der Autor sich nicht schon längst über das Thema schlechthin hergemacht hat. Das Thema nämlich, welches in den letzten zwanzig Jahren den eindeutigsten Abstieg hingelegt hat: Design. Schließlich war Design das bestimmende Element der Postmoderne. Mögen die Achtziger mittlerweile noch so verlacht werden als Schulterpolster- Jahrzehnt von Don Johnson bis Michael Jackson, so waren diese Jahre – bitte glaubt mir und nicht Oliver Geissen – in Wirklichkeit geprägt von der durchgängigen Ästhetisierung aller Lebensbereiche. Es gab nahezu nichts, das von dem Willen unberührt geblieben wäre, durchdesignt zu werden. Das lag natürlich am Kern der Sache: Ettore Sottsass und seine Mailänder Memphis-Mitarbeiter hatten vor allem vor, die »Ulmer Schule« der Bauhaus- Nachfolge zu stürzen, mit ihrer überreduzierten Formensprache und der ewigen less-is-more- und form-follows-function-Leier. Klar, angesichts von epigonalen Betonwüsten und Mietskasernen machte Mies van der Rohe irgendwann seinem Namen alle Ehre. Der Name Gropius stand für die Siedlung in Berlin, aus deren Milieu nichts Gutes zu erwarten war, außer der Drogenkarriere von Christiane F. am Bahnhof Zoo.

 

Ach ja damals, die Kinder vom Bahnhof Zoo. Ziggy und Iggy in town. Ja, Berlin war mal spannend. Da patroullierten an den Übergängen zur DDR noch echte Soldaten mit Maschinengewehren. S-Bahn- Züge fuhren in Teilstücken durch die »Zone«. Hundegebell am Todesstreifen. Heute ist Berlin ein »subkultureller Themenpark « (Diederichsen), der noch immer von genau diesem Mythos zehrt und noch nicht gemerkt hat, dass er nicht mehr subventioniert wird. Oder Manhattan. Wie enttäuscht muss man von Manhattan sein, wenn man es noch aus den Achtzigern kennt. Damals sah man nie Kinder auf der Straße. Man ging im »Manhattan Walk«: schnell und scheinbar gezielt, um nicht Zielscheibe von Überfällen zu werden. Künstler und Bekloppte an jeder Ecke. Man ging von Party zu Party, konnte zusehen, wie auf offener Straße Drogendeals abgewickelt wurden. Und oberhalb des Central Parks, wie auch nachts im Central Park selbst, lauerte der sichere Tod. Manhattan heute: Ein gentrifizierter Themenpark für Reiche, die sich Manhattan leisten können – ein Manhattan, welches natürlich ausschließlich

Postmoderne Architektur war gut. Aber sie benahm sich wie ein Trottel auf einer Party : Ums Auffallen bemüht, laut, unangenehm.

Was das alles mit Design zu tun hat? Ganz einfach, Architektur. Sie wurde nach Charles Jencks’ Architektur-Standardwerk über die »Spätmoderne« unfreiwillig zum Dekor-Gegenstand und zog alles mit sich herunter. Die schillernde Stadt der Postmoderne ist Chicago. Im renommierten Zentrum, gespickt mit Wolkenkratzern der edelsten Planerbüros von Sullivan bis SOM, entstanden in unmittelbarer Nachbarschaft zu Mies’ legendären Streichholzschachtel-Hochhäusern, dem Messegelände, aber auch dem »Sears Tower« und »Hancock Building«, die ersten postmodernen Wolkenkratzer. Neben den Post-Bauhaus- Architekturbüros war es der deutschstämmige Architekt Helmut Jahn, der das neue Stadtbild prägte. Sein »State of Illinois Center« ist heute Chicagos neue Stadtverwaltung und sieht aus wie eine Art Schnecke mit überdachter Piazza. Das »Southwestern Terminal« gleicht einem Wasserfall aus Glas und Stahl. Wer noch keine konkrete Vorstellung von dem Karneval hat, der hier inszeniert wird, dem hilft vielleicht die Ansicht des Berliner Sony Centers oder dem Wolkenkratzer des Frankfurter Messeturms: Jahn-Gebäude. Keine schlechte Architektur. Aber seitdem musste sich gute Architektur rechtfertigen, nicht nur Dekor zu sein, sondern Substanz zu haben. Die »Falschen Fuffziger«, respektive Achtziger, die daraus entstanden sind, kann man heute von jeder Fassade eines öffentlichen Gebäudes oder eines Mietshauses der neunziger Jahre ablesen. Einfach schrecklich. Angesichts der neuen Fassaden hatte schon der Architekturkritiker Paul Goldberger gewarnt: »Jahns Gebäude benehmen sich manchmal wie Volltrottel auf einer Party: Ums Auffallen bemüht, laut, unangenehm.«

 

Noch entscheidender ist – Stichwort Fassade – dass sich Architektur seitdem auf die Dekor-Diskussion eingelassen hat. Sie muss sich gefallen lassen, nur noch nach dem Äußeren zu gehen. Tatsächlich hatte postmoderne Architektur genau diesen Trend zur Folge. Womit wir wieder beim Produktdesign wären. Die achtziger Jahre waren das klassische Design-Zeitalter, Bauhaus und Braun, Dieter Rams und Ettore Sottsass seine Helden. Hochglanzmagazine bestachen mit typografischen Meisterleistungen, und so mancher dem Design vollkommen Verfallene gestaltete seinen gesamten Lebensentwurf nach den vorherrschenden Kriterien durch: Die Wohnung eingerichtet wie ein Büro, mit Bauhaus-Möbeln in Schwarz, Silber und Grau. Das Schlafzimmer spartanisch wie ein Hotelzimmer. Von den Geräten nur die edelsten der Marke Braun. Und selbst die Klamotten: Möglichst in Sack und Asche. Comme des Garçons, Jil Sander und »Yoshji« (Yamamoto). Die Stilisierung einer Design-Parallelwelt als Kontrast zu den alltäglichen Vulgaritäten war eine Zuflucht, in Weiß gehalten, durchdesignt bis zur Blumenvase, pardon, bis zu den Blumen (möglichst weiß, sind schon bunt genug mit dem ganzen Grün). Schließlich der Körper selbst: Brille: Horn. Frisur: Glatze. Der Rest: schwarz. An Buntem war höchstens alles von Piet Mondrian und außerdem der rot-blaue Rietveld-Stuhl erlaubt, weil diese Kunstwerke sich an die Primärfarben hielten und zackig-quadratisch in Schwarz abgesetzt daherkamen. Und natürlich die heute fast unwirklich wirkenden eckig-scheckigen Ausformungen der Memphis-Schule. Man denke nur an das Sottsass-Regal, das man heute nicht mal mehr auf einen Flohmarkt wuchten würde. Die rote Olivetti-Schreibmaschine sicherte dem Designer zwar ewigen Ruhm, von der Milano-Collection im »Anti- Design« will heute aber vermutlich niemand mehr zugeben, dass sie mal zuhause im Wohnzimmer stand.

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Heutiges Design kommt oft ganz ohne die Berücksichtigung von Phänomenen wie Feuer, Wasser, Luft oder Schwerkraft aus.

Ach, eigentlich war das im Rückblick ganz schön. Alles glänzte, war sauber und gelackt. Über Preise sprach man nicht, schon gar nicht übers Sparen. Im Gegenteil: Was nichts kostete, das war auch nichts. Man sollte den Wert aber sehen. Alles war möglich. Sogar Yuppies. Und »creativ« schrieb man mit »c«. Alles wirkte wie lackiert. Design, das Aushängeschild des guten Geschmacks und der durchgehenden Ästhetisierung der Lebenswelt, das gibt es immer noch. Aber leider ist es mittlerweile so ziemlich den Bach heruntergegangen. Dieser Wandel wird schon sprachlich deutlich. Vom puren Design zum Design- und schließlich zum Designer-(Hotel, Outlet, was auch immer). »Designer-« mit Bindestrich ist ein klares Signal, hellhörig zu werden. Im Designer-Outlet kann man mit ziemlicher Sicherheit nicht einmal mehr Markenware erwarten. In Designer-Hotels, die tatsächlich oft guten Geschmack beweisen, kann man auf Holz klopfen: Es klingt meistens sehr hohl. Was sich die »Designer« solcher Zimmer allein beim Betreten von Intimsphären wie dem Bad gedacht haben, ist teilweise nicht mehr nachvollziehbar: Saloontüren wie im Western, und das an Orten, an denen es ja doch einmal zur Produktion von Geräuschen oder Gasen kommen könnte. Oder einfach nur ein Vorhang. Oder eine Designer- Dusche in chicem schwarzen Schiefer, aus der man in den Innenhof und die umliegenden Hotelzimmer blicken kann … allerdings auch umgekehrt.

Betten mit integrierten Waschvorrichtungen, mit denen man Kissen und Decken vollspritzen kann, oder sich einfach nur mal schön das Knie anschlagen: alles schon da gewesen. In der Tat kann ein Frequent-Traveller-Abo auf Designereinrichtungen mittlerweile schon ein Abenteuertrip voller böser Komfort-Überraschungen werden. Das gilt auch für Produktdesign. Und der Grund ist ziemlich banal: Hauptsache, es sieht gut aus. Man muss sich darüber hinaus ja wohl nicht noch Gedanken über die Wirkung, die Funktion oder die Bedürfnisse von Menschen machen. Es gibt eine Menge Designgegenstände, die wirklich gut aussehen, solange man sie nicht benutzt. Man denke nur an Klassiker der achtziger Jahre wie den Alessi- Kessel, der so schön wackelt, sobald man ihn unter Hitze setzt. Oder Waschbecken, die nicht mehr ablaufen, wenn sie voll sind – weil man mit zunehmendem Wasserdruck den Stöpsel nicht mehr öffnen kann. In der Tat zeichnen sich heute so genannte Design-Produkte meistens genau dadurch aus, dass ihre Schöpfer Elemente wie Feuer, Wasser oder Luft oder auch Naturgesetze wie die Schwerkraft ignorieren. Man denke nur an die eigene Küche und erinnere sich an diese Worte, wenn man sich das nächste Mal schneidet, verlet

Der supernormale Stuhl: immer noch entworfen nach dem preußischen Gebot »Auf dem Schoß eine Katze , im Rücken eine Maus.«

Das passiert, wenn man die 3f-Formel (»form follows-function«) als altmodisch abtut oder auch altbekannte Gegenstände munter weiter dekoriert, statt aus ihren Bestimmungen selbst eine Form entstehen zu lassen. Legendär sind in dieser Hinsicht Dieter Rams’ Kreationen für das hessische Unternehmen Braun, vom Schneewittchensarg bis zu seinem Rauswurf. Bezeichnend für den Niedergang des Anspruches an eine durchdachte Form, die aus ihrer Bestimmung selbst entsteht, ist das Bestreben von Braun, seither im Mainstream zu landen und mit vollkommen gewöhnlich aussehenden Geräten Fernsehwerbung zu betreiben, natürlich nicht ohne von den alten Werten zu profitieren. Noch besser ist höchstens die Kapitulation, sich überhaupt mit Bedürfnissen und Gewohnheiten moderner Menschen auseinanderzusetzen. Ein Höhepunkt der Post-Postmoderne war da der alternative Ansatz des »Supernormalen« von Jasper Morrison. Die Sensation des Banalen war dem Publikum einen Aufschrei wert. Der vorläufige Höhepunkt: ein Stuhl. So Stuhl wie nur Stuhl sein kann. Auch wenn Sie ihn nicht kennen: Sie wissen, wie er aussieht. Es ist wirklich der normalste Stuhl der Welt. Wahnsinn. So lange man sich nicht darauf setzt. Denn er ist, wie jeder »normale« Stuhl, unbequem – seit Hunderten von Jahren unverändert und entworfen nach dem preußischen Gebot der Haltung: »Auf dem Schoß eine Katze, im Rücken eine Maus.« So sitzt nur leider seit Ende des Zweiten Weltkriegs niemand mehr. Zum einen, weil niemand sich mehr den militärischen Haltungsgeboten unterwirft, sonder lieber beim Sitzen halbwegs liegt, sich fläzt, irgendwie eine bequeme Haltung sucht. Und zum anderen, weil solch ein Stuhl nicht mehr den ergonomischen Wahrheiten der heutigen Zeit entspricht.

Aber zu guter Letzt: Es ist natürlich nicht alles doof und undurchdacht, was heute glänzt. Das kann man sehen: An den Entwürfen des wohl wichtigsten zeitgenössischen Produktdesigners unserer Zeit, zumindest der Nullerjahre, dem Apple- Chefdesigner Jonathan Ive. Zu seinen Entwürfen braucht man nicht mehr viel sagen: Sie sind sexy, sie versprechen, was ihr Inhalt hält und nicht umgekehrt, sie sind seit iMac und iPad Gestalt gewordene Aufbruchstimmung. Ihr Entwurf ist von reiner Intuition gesteuert, sie können von Kindern »beherrscht« werden und benötigen noch nicht einmal eine Gebrauchsanweisung. Sie sind klein, fein und mobil und definieren eine neue Generation – von Produkten wie von Menschen. Und zwar nicht die Schlechtesten. So betrachtet, ist das Smartphone vermutlich das beste Designprodukt unserer Zeit; denn es ist das erste Statussymbol, das jeder besitzen kann. Davon sollten sich die post-postmodernen Dekor-Designer mal eine Scheibe abschneiden. Aber bitte, um Ihrer Gesundheit willen, nicht mit so einem witzig aussehenden, aber viel zu leichten und eher zum Abrutschen entworfenen Designer-Ding mit fimschiger Klinge und Plastikgriff, sondern mit einem soliden, mittelschweren Messer Marke Rostfrei Solingen.

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